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Feuer, Wasser, Erde, Luft und — Metall: Eine Reise mit den Masonic-Bikern

Metall

Metalle sind verformbar, glänzen und leiten Elektrizität und Wärme. Die Atome der chemischen Elemente der Metalle gehen metallische Bindungen ein, begrenzen also sozusagen ihre Freiheit, finden eine Ordnung ihrer freien Elektronen in Gittern und werden so erst wesentlich. Ein einzelnes Atom kann noch kein Metall sein. Es wird es erst durch Bindung. Darin ähnelt das Metall dem Mensch. Auch er kann nur in Verbindung, in Beziehung, in Relationalität und Referenzialität wesentlich werden. Und das "wesentlich werden" markiert, wie angedeutet, das Ziel der maurerischen Reise. Die königliche Kunst trägt genau dem Rechnung. Denn die Arbeit am rauen Stein, der Weg vom Material zur Form, von der Natur zur Kultur, der Kunst durch Kunst, ist ein individuelles Projekt in Gemeinschaft, ist Individuation durch Sozialisation unter freimaurerischen Vorzeichen und Zeichen.

Aufstellung zum Zeremonial - Foto: Willie Beckmann

Aus Metallen machen wir Münzen, Schmuck und Maschinen, sinnvolles und sinnloses. Die Metalle mögen mit ihren natürlichen Materialeigenschaften vorgeben, was man aus ihnen machen kann, der menschliche Geist aber entscheidet gestaltend, was aus ihnen wird. Manchmal machen wir Motorräder aus ihnen. Und auf ihnen lässt sich vortrefflich mit den Brüdern reisen, mit den Masonic-Bikern die Welt "erfahren". Wir entscheiden nicht nur eigenverantwortlich, was wir aus den Geschenken, die uns der große Baumeister aller Welten durch die Natur gegeben hat, herstellen, konstruieren und bauen. Es ist auch an uns, in unserer Verantwortung zu klären, was wir mit den menschlichen Schöpfungen generieren wollen. Wir beispielsweise wollen einen Tempel der Humanität bauen.

Die Steine, der wir dabei bedürfen, sind bekanntlich die Menschen, die Maurer, die durch die Arbeit an sich glatt und baufähig geworden sind, die zu sich gereist sind. Begünstigen lässt sich diese innere Reise nicht nur durch symbolische, sondern auch unzweifelhaft durch äußere Reisen. Die maurerischen Motorradfahrer beherzigen dies in besonderer Weise. Dies nicht nur durch gleich 2 sie verbindende intensive Freizeitaktivitäten, sondern auch durch deren zugrundeliegenden normativen Lebenshaltungen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität werden theoretisch beleuchtet und praktisch umgesetzt. Um Motorrad zu fahren und am rauen Stein zu arbeiten, um tatsächlich und symbolisch zu reisen, bedarf es der Freiheit. Sie ist Voraussetzung und Ergebnis der Freimaurerei und des Motorradfahrens.

Feuer

Feuer den Masonic Bikern West, jenen im gesamten Bundesgebiet oder denen aus der Schweiz, stets ist die gemeinsame Ausfahrt nicht nur eine Freude. Sie bildet auch, schafft Kontakte, Verbindungen, Bekanntschaften und Freundschaften. Tolerant und bruderliebend wird sich auf der Winkelwaage und auf der Kurbelwelle begegnet. Bei den Gesprächen kann lebenserfahrungsbasiert viel über verschiedene Regeln, Pflichten, Rituale und Bräuche erfahren, diskutiert und erörtert werden.

Die und einigen Brüdern ging es genau 3 Tage vor der Hochwasserkatastrophe unter anderem ins Kaffee Ahrwind. Es und die benachbarte Tankstelle, welche von der Tochter eines Bruders betrieben worden ist, gibt es so heute nicht mehr. Da ich unweit des Ahrtals lebe, viele meiner Freunde, Patienten, Kollegen und Bekannten dort beheimatet sind oder waren, musste ich erleben, dass nicht nur das Feuer, sondern auch das Wasser immense Schmerzen bereiten und eine gigantische Zerstörung anrichten kann.

Nun aber sollte es erst einmal nach Thüringen, genauer Rohrbach gehen. Ein größeres Treffen in Wolfenbüttel früher im Jahr musste leider coronabedingt abgesagt werden. Für die Masonic-Biker ist Rohrbach ein Ort mit historischer Bedeutung:
Nachdem man sich in den ersten Jahren ab 2003 auf einem Campingplatz in Georgenthal– ebenfalls in Thüringen - traf, wurde ab 2009 das Hotel in Rohrbach die Heimat der Masonic-Biker Deutschland. Bis zur Schließung des Hotels 2017 traf man sich hier. Tradition ist bekanntlich nicht die Bewahrung der Asche, sondern das Weiterreichen der Flamme und so muss man Willie ganz besonders dankbar sein. Denn durch sein Engagement und seine Organisation konnte erstens doch noch eine Zusammenkunft von rund 30 Biker Brüdern 2021 stattfinden und zweitens konnte die Unterkunft, trotz eines Verkaufs dieser in der jüngeren Vergangenheit, als Ausrichtungsstätte erhalten werden. Eine Unterkunft, in der sich die Gruppenfotos aus den verschiedenen Jahren noch immer an den Wänden finden, Bilder, die auch die Erinnerung an Gründungsmitglieder konservieren, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr mitfahren können.

Wasser

Donnerstags ging es für mich also erst einmal mit dem Bus in die Nähe von Montabauer, wo wir Freitags früh starten wollten. Ich muss schon sagen, dass einem die übrigen Fahrgäste außerordentlich höflich und wohlwollend begegnen, wenn man in Kutte busfährt. Irgendwie war mir das zunächst doch als sehr unpassend erschienen. In maurerischer Bikerjacke mit Blindenstock und Motorradhelm in Händen im Bus, leicht seltsam. Immerhin hat mich niemand angesprochen, so dass ich nicht in die Verlegenheit gekommen bin zu erklären, dass ich im Begriff war blind auf eine Motorradtour mit Freimaurern zu fahren. Nachdem ich dem Fahrstil des ersten Busfahrers gewahr geworden bin, war ich sogar kurz in Versuchung den Motorradhelm auch noch aufzusetzen. Aber das wäre dann dem Guten wohl doch zu viel gewesen.

In Koblenz hatte ich beim Wechsel des Buses reichlich Zeit und konnte noch, nachdem ich den richtigen Bussteig gefunden hatte, ein Telefonat erledigen. Eine Frau, die in Kürze in der Loge in Göttingen Aufnahme finden wird, wollte ich noch sprechen. In Reaktion auf die Überschwemmungen an der Ahr hatte ich mit einem Whiskyfreund zu spenden für die Flutopfer aufgerufen. Die Spendenbereitschaft in meinem Schwestern-, Brüder-, Freundes- und Bekanntenkreis war beeindruckend und so kamen knapp 27 000 Euro alleine auf diesem Wege zusammen. Und eine der Menschen, die sich in dieser Weise solidarisch und großzügig gezeigt hatten, war Susanne. Eine gute Gelegenheit und ein guter Grund die Facebook-Bekanntschaft mit Affinität zum Feuerwasser näher kennenzulernen.Ebenso wie das Feuer, kann das Wasser Leben spenden oder Leben nehmen. Humanität bedeutet auch, dass man das Leid und das Elend, das beide mitbringen können, zu lindern versucht.

Als freitags dann die Tour startete, ging es auch direkt mit Regen und Verkehrsbehinderungen los. Nachdem wir die ersten beiden Brüder eingesammelt hatten, kamen wir zum nächsten Treffpunkt auf dem Weg nach Rohrbach bereits 1 Stunde zu spät. Und auch auf der weiteren Fahrt wurden wir nass. Beim letzten Zwischenstop nahe Fulda wurden wir beim nächsten Bruder, der sich auf der Weiterfahrt anschloss, gastfreundlich empfangen und konnten uns stärken. Gegen 17 Uhr kamen wir dann endlich an. Viele Brüder warteten bereits vor der Unterkunft. Wir hatten den Schlüssel und waren leicht verspätet.

Luft

Nun, Verspätungen können und dürfen in diesem Kontext vorkommen. Hauptsache keine Unfälle. So viel Glück hatte unser Bruder Angel bei der Anreise leider nicht. Ob es am Wind, der Luft in den Reifen oder etwas anderem gelegen hat, erfuhr ich nicht. Doch fand er sich leider nach seinem Sturz mit gebrochenem Schlüsselbein in einem Krankenhaus wieder. Wir alle haben das sehr bedauert, er hat uns gefehlt. Dennoch war der Abend geprägt von der Wiedersehensfreude, von dem Glück der Vereinigung gleicher Ungleicher. Brüderliche Bier- und Benzingespräche schlossen sich an die offizielle Begrüßung durch Willie an. Und wie immer war natürlich vorab zu klären, in welcher Weise wir am nächsten Tag bei der Ausfahrt in der Kolonne der Straßenverkehrsordnung den nötigen Respekt erweisen würden.

Nachgenau nehmen, sei erwähnt, dass es sich nach freimaurerischem Terminus dabei um ein Zeremoniell, und nicht um ein Ritual handelt. Aber man muss doch sagen, dass gerade die Weisheit, Stärke und Schönheit sich in ihm akustisch ganz besonders gut ausdrücken durch die leistungsstarken Motoren der Maschinen, die recht bedient, Klänge absondern, die dem Bruder wohl bekannt und vertraut sind, auch wenn sie in anderem Gewand daherkommen.

Bruderzwischen Thüringer Wald und Saale. Eine hügelige Angelegenheit mit tollen Kurven und reichlich Fahrspaß. Hin und wieder versagte der Motor der ein oder anderen Maschine ausgerechnet vor einer Querstraße. Immerhin konnte so die Kolonne beisammen bleiben. Wüsste ich es nicht besser, müsste ich annehmen, dass der Freimaurer auch manchmal ein windiger Typ sein kann. Nach einem üppigen Mittagessen ging es zurück in Richtung Unterkunft, wo uns noch reichlich Zeit blieb um die Tempelarbeit vorzubereiten. Allerdings erst, nachdem wir mit Kaulis Biker Ritual die Ausfahrt offiziell und zeremoniell beendet hatten. Wieder mit meinem Blindenstock als Zeremonienstab.

Erde

Für viele war die Tempelarbeit im Erdgeschoss unserer Unterkunft ein sehr besonderes Erlebnis. Einerseits, weil sie teilweise den rituellen Ausgang aus der Coronapause bedeutete, andererseits, wegen der regelhaften Außerordentlichkeit des Rituals. Coronabedingte Anpassungen, Säulen aus Bierkästen und andere Improvisationen minderten das gemeinsame Erleben des Rituals in keiner Weise. Nun, in meinem Fall mag die Aussage nicht verwundern, aber ich bin ohnehin der Überzeugung, dass dasjenige, was das äußere Auge beim Ritual sieht, zweitrangig ist. Entscheidend sind die Bilder vor dem inneren Auge. Und analog gilt das für die anderen Sinne. Verbundenheit, Brüderlichkeit oder die Bruderkette stellen wir physisch und symbolisch wirkmächtig dar, aber letztlich müssen wir sie mit der inneren Haut fühlen und spüren.

So einfach geht´s - Foto: Willie Beckmann

Durch und mit dem Ritual stellte sich sogleich ein erhabenes Gefühl der Brüderlichkeit bei allen ein. Und auch der Humanität hatten wir genüge getan. Die Sammlung erbrachte über 1 000 Euro für ein Bildungsprojekt in Indien, die nach weiteren Zuflüssen, unter anderem durch die Sammlung beim Jahrestreffen der Swiss Masonic Biker, auf rund 3 500 Euro anwuchsen. Als Freimaurer können wir von den Masonic Bikern einiges lernen. Wir sind Teil der Weltbruderkette. Und Humanität kann es ohne den Menschen nicht geben. Dieser wiederum braucht einen Lebensraum, die Erde. Zerstören wir sie, nehmen ihr die Chance auf Regeneration, so wird sie dies nicht nur mit Wasser, Feuer und Wind bebend anzeigen, sie wird die Bereiche, in denen ein Leben in Wohlstand möglich ist, auch weiter verknappen. Humanität wird dann immer schwieriger und nötiger werden. Und so ernst man diese Probleme nehmen muss, so ernsthaft man die Freimaurerei betreiben sollte, Gelassenheit, souveräne Entspanntheit und Humor, wie man sie unter den Bikerbrüdern findet, könnte es mehr bei uns geben.

Aus Erde sind wir gemacht und zu Erde werden wir wieder. Dazwischen sollten wir einander zugeneigt sein, uns unterstützen und helfen. Berührt, ergriffen und bewegt durch die Tempelarbeit, angeregt zur Reflektion durch die Zeichnung, ging es dann zum Abendessen, wieder ins Restaurant gegenüber, wo uns Thüringer Klöße erwarteten. Erneut gab es in freien Gesprächen viel Erhellendes über die königliche Kunst in Erfahrung zu bringen. Danach unternahmen wir noch einen halbherzigen Versuch die Säulen der Weisheit, Stärke und Schönheit leerzutrinken, was aber angesichts der Zurückhaltung, die aufgrund der sonntäglichen Heimreise geboten war, nicht gelang. Vielleicht sollte aber auch immer noch ein wenig Weisheit, Stärke und Schönheit übrig bleiben. Schließlich muss die Arbeit weitergehen. Den Tank eines Motorrads fährt man ja auch nicht vollständig leer.

So und doch nicht bindungslos. So ist Maurerei, so ist Motorradfahren. Individuelles Glück in Gemeinschaft.

 

Alexander Walter,
erschienen auch in der Humanität 6/2021
Als Podcast nachzuhören auf freimaurerei.de

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